Donnerstag, 17. Dezember 2020

Immanuel

Für mich ist Weihnachten mit den frühsten Erinnerungen verbunden, die ich an meine Kindheit habe – das liegt vermutlich weniger an Weihnachten selbst als vielmehr daran, dass ich jedes Jahr von meiner Großmutter ein neues Steiff-Tier bekam, auf das ich mich schon im Herbst freute.

Ich vermute, nicht nur ich habe solche Erinnerungen. Denn Weihnachten ist ein Zeitpunkt im Jahr, auf den man – nicht nur als Kind – hinfiebert. Es wird gebacken, gekocht, ein Baum wird gekauft, die Krippe wird aufgestellt, man schmiedet Pläne, wen man wie in der kurzen Zeit „zwischen den Jahren“ besuchen und beschenken will, und macht sich bereit für viel zu viele Leckereien bei all den Verwandten und Freunden… Es gibt unzählige Traditionen, dieses Fest zu begehen. Nicht selten entsteht ein Wettbewerb um das schönste Weihnachtsfest, der dem einen oder anderen die Puste raubt.

Nicht so in diesem Jahr.

In diesem Jahr scheint über dem Weihnachtsfest ein Damokles-Schwert zu schweben. „Wie feiern wir?“ – „Werden wir überhaupt zusammen feiern können?“ – „Gefährden wir liebgewonnene Menschen?“ – „Wer wird in diesem Jahr sein letztes Weihnachtsfest feiern?“ All das sind Fragen, die uns im Griff halten und die Weihnachtsfreude nicht so richtig aufkommen lassen, die noch im letzten Jahr mit jedem Adventsmarkt-Besuch und jeder Tasse Glühwein anwuchs.

In diesem Jahr können wir nur schwer auf ein „so war es schon in jedem Jahr“ zurückgreifen – und doch ist auch in diesem Jahr die Verheißung erfüllt, die in Jesaja 7,14 geschrieben steht: „Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau hat empfangen, sie gebiert einen Sohn und wird ihm den Namen Immanuel geben.“

Ich glaube, in diesem Jahr haben wir dieses Zeichen wirklich nötig. Gerade jetzt sind wir angewiesen auf diesen „Immanuel“, auf den „Gott mit uns“.

Wenn ich in diesem Jahr meinen leuchtenden Stern über meine Krippe hänge, werde ich mich daran erinnern, dass ich in aller Dunkelheit diesen strahlenden Stern sehen und ihm folgen darf. Dann wird mir bewusst werden, dass dieser „Immanuel“ der Lichtbringer ist, der als Kind in einem Futtertrog liegt und dennoch in seiner Unschuld und Hilflosigkeit die ganze Größe und Unbegreifbarkeit Gottes vereint.

Diese Unbegreifbarkeit kann ich nicht immer gut aushalten. Wenn ich auf das letzte Jahr blicke, möchte ich mich beschweren und IHM sagen: „Musste das wirklich sein???“

Darauf werde ich auch an Weihnachten keine Antwort erhalten.

Aber ich werde mich daran erinnern, dass Weihnachten der Beginn der größten Erfolgsgeschichte unserer Zeit ist – und dass Jesus Christus die Hauptperson ist.

Er ist der Held, der bis ans Äußerste geht. Für alle, die den Film „Armageddon“ gesehen haben, ist er vielleicht ein bisschen wie Bruce Willis, der zur Rettung der Menschheit den Asteroiden in die Luft sprengt, obwohl er weiß, dass er dabei unweigerlich sterben wird…

Wir alle wissen, wie die Geschichte des Kindes in der Krippe weitergeht. Im Holz der Krippe steckt bereits das Holz des Kreuzes.

Wenn Gott für uns Mensch wird, dann tut er das mit allen Konsequenzen. Er nimmt jede Höhe und Tiefe des menschlichen Lebens in Kauf. Er macht sich uns ähnlich. Er leidet für uns mit.

Vielleicht kann uns das in diesem Jahr Trost und Hoffnung geben, vielleicht können wir daraus Kraft ziehen, vielleicht kann uns dieses ganz andere Weihnachtsfest ein umso größeres Licht sein in unsrer Dunkelheit.

Denn wir alle wissen auch, wie die Geschichte ausgeht: Ganz am Ende wird es Ostern werden.

 

Kommentare gerne an sonja.haub@bistum-speyer.de