Montag, 22. März 2021

Frei von Sklaverei und Tod

Fortlaufend zu den Themen der Plakatkampagne #beziehungsweise gibt es an dieser Stelle Impulse zum Weiterdenken. Zum vierten Plakat Pessach beziehungsweise Ostern stammt der Impuls von Hochschulseelsorgerin Luise Gruender. 

Pessach beziehungsweise Ostern

Ein Fest, das acht Tage lang gefeiert wird, das muss schon etwas Besonderes sein!

Während die Christen die Karwoche begehen, die mit dem Osterfest endet, wird auf jüdischer Seite das Pessachfest gefeiert.

Es beginnt mit dem Sederabend, dieses Jahr am 27. März. Hier suchen die Kinder nach Brotkrumen, die ihre Eltern vorher im Haus versteckt haben. Mit dem Entzünden einer Kerze geht die Suche los, dann werden alle gefundenen Brotstückchen mit einer Feder auf einen Holzlöffel geschoben und verbrannt. Es soll sich kein Brot oder Getreideprodukt (Mehl, Kuchen, Nudeln, Bier…) mehr im Haus befinden.

Dieser Brauch hat etwas mit der Geschichte zu tun: Das israelische Volk befand sich vor über 3.000 Jahren in ägyptischer Sklaverei. Ohne große Vorbereitung galt es der Verfolgung durch den Pharao zu entkommen. Es war nicht genug Zeit, richtiges Sauerteigbrot zu backen. Stattdessen gab es das „ungesäuerte Brot“, die Matzah.

Bei jeder Feier des Pessachfestes geht es seither darum, die damalige Erfahrung der Befreiung selbst empfinden zu können und sich so als ein Teil des Volkes Israel zu begreifen:

Am Sederabend liegen drei Mazzen-Scheiben auf dem Tisch. Dazu gibt es Eier, die auf das Erwachen der Natur im Frühling und neues Leben hindeuten, genau wie die Ostereier beim christlichen Osterfest. Ein Lammknochen erinnert an das Lamm, das die Israeliten Gott opferten. Bitter schmeckende Kräuter lassen an den harten Sklavendienst in Ägypten denken und ein bräunliches Gemisch aus Äpfeln und Nüssen in einer Schale sieht genauso aus wie der Lehm, aus dem die Ziegelsteine hergestellt wurden, die damals für das Gebäude des Pharaos von den Israeliten hergestellt werden mussten. Das auf dem Tisch bereit stehende Salzwasser erinnert an die Tränen der Juden, die sie in der Zeit der großen Unterdrückung weinten.

Vor dem gemeinsamen Essen trinken alle Erwachsenen, die angelehnt sitzen, ein Glas Wein. Angelehnt deshalb, weil damals nur die Freien und Vornehmen so sitzen durften, nicht die Sklaven. Die aufrechte Haltung zeigt die Freude über die Freiheit.

Jetzt werden die bitteren Kräuter in das Salzwasser getaucht und gegessen. Das erinnert an die karge Mahlzeit eines Sklaven. Während der Mahlzeit wird von der mittleren Mazze ein Stück abgebrochen und versteckt. Der jüngste Sohn der Familie stellt dazu vier Fragen. Die Antworten über den Auszug aus Ägypten werden dabei nicht nur vorgelesen, sondern die Erwachsenen erzählen dazu eigene Erfahrungen von Knechtschaft und Befreiung.

Nach einem zweiten Glas Wein und der Segnung der Mazzen findet ein festliches Essen statt. Am Ende der Mahlzeit werden Psalme gesprochen. Ein Platz am Tisch bleibt immer frei. Dort steht ein besonderes Glas Wein für den Propheten Elia, auf den alle warten und der den Messias ankündigt. Elia gibt sich aber nicht zu erkennen. Vielleicht kommt er als Asylsuchender oder Nachbar. Die Haustür steht deshalb immer offen. Die vier Becher Wein, die während des Abends getrunken werden, stehen für die vier Verheißungen Gottes: Er will „die Kinder Israels“ aus Ägypten herausführen, sie erretten, erlösen und als sein eigenes Volk annehmen. Nach dem Essen wird schließlich das versteckte Stück Matzen gesucht und unter den Anwesenden verteilt. Lieder, Spiele und das üppige Mahl halten Jung und Alt wach. Zum Schluss wünscht man sich gegenseitig: „Nächstes Jahr in Jerusalem!“ Das drückt die Sehnsucht aller Juden aus, einmal im Leben nach Jerusalem zu kommen. Nach diesem Sederabend geht das Pessachfest sieben Tage weiter. Es gibt immer Matzah und besondere Pessachgerichte.

Jesus hat als Jude zusammen mit seinen Freunden Pessach gefeiert, also die Befreiung aus der Knechtschaft. Die Wurzeln des christlichen Osterfestes liegen folglich im Pessachfest. Allerdings fällt es im heutigen Kalender nicht immer zeitlich zusammen, weil der Frühjahrsvollmond - und damit Pessach - auf jeden beliebigen Wochentag fallen kann, die Christenheit aber beim Konzil von Nicäa im Jahr 325 festgelegt hat, dass Ostern an einem Sonntag zu feiern ist.

Die katholische Osterliturgie zeigt die Parallelen deutlich auf: Dort wird auf die Osterkerze das Exultet gesungen und sowohl an Israels Auszug aus Ägypten als auch an den befreienden Sieg Jesu über den Tod erinnert: „Dies ist die Nacht, die unsere Väter, die Söhne Israels, aus Ägypten befreit hat. Dies ist die selige Nacht, in der Christus die Ketten des Todes zerbrach und aus der Tiefe als Sieger emporstieg“. Auf dem Pessachtisch darf Lammfleisch nicht fehlen. Und auf welchem christlichen Ostertisch steht kein gebackenes Lamm, mit süßem Puderzucker beflockt? Es erinnert uns daran, wie es auf dem Plakat der Kampagne heißt: „Gott befreit und erlöst. Auch heute. Halleluja!“

Luise Gruender
Pastoralreferentin in der Katholischen Hochschulgemeinde Landau/Germersheim/Speyer