Montag, 01. März 2021

Umkehren zum Leben

Fortlaufend zu den Themen der Plakatkampagne #beziehungsweise gibt es an dieser Stelle Impulse zum Weiterdenken. Im März macht dies zum dritten Plakat Umkehren zum Leben beziehungsweise Antisemitismus ist Sünde Bildungsreferentin Sonja Haub von der Katholischen Erwachsenenbildung Pfalz.

Umkehren zum Leben beziehungsweise Antisemitismus ist Sünde

Kennen Sie den Film „Das Unwort“? Er wurde am 9. November 2020 erstmals im ZDF ausgestrahlt. Protagonist des Filmes ist der Schüler Max Berlinger, dem ein Schulverweis droht, weil er einem Mitschüler das Ohrläppchen abgebissen hat. Klingt erschreckend – wie es aber dazu gekommen ist, stellt sich bei einem Krisengespräch heraus: Max hat im Unterricht von seinem jüdischen Glauben erzählt und wurde danach immer öfter von seinen Mitschülern verbal und physisch angegriffen.
Klassenlehrerin und Schulleiter spielen die Situation bei der Konferenz zunächst herunter. Doch wer trägt die Verantwortung dafür, dass Max sich irgendwann vehement gewehrt hat?

In diesem Setting thematisiert der Film auf bitterernste aber auch humoristische Art und Weise eine aktuelle Form des Antisemitismus, die in unserer heutigen Gesellschaft noch immer zu sehr unterschätzt wird. Dabei sollte inzwischen jedem klar sein, dass antisemitische Haltungen nicht mehr nur ein dunkles Kapitel im Geschichtsbuch sind… Das belegt auch das „Zivilgesellschaftliche Lagebild Antisemitismus: Rheinland-Pfalz“ der Amadeu Antonio Stiftung, in dem ein Anstieg antisemitischer Straftaten in Rheinland-Pfalz seit 2018 aufgezeigt wird. Bemerkenswert ist: Auch wenn antisemitische Vorfälle meist mit rechtsextremen Gruppierungen in Zusammenhang stehen, zeigt sich antisemitisches Denken inzwischen auch in vielen weiteren Gruppen zwischen links und rechts. Der Antisemitismus wird fast unbemerkt immer mehr „salonfähig“.

In einer Gesellschaft, in der sie noch immer viel zu oft als „die Anderen“ wahrgenommen werden, leben Jüdinnen und Juden Tag für Tag. Und sind wir ehrlich: Auch wir Christen vergessen oft genug, dass nicht alle Menschen Weihnachten oder den Sonntag feiern, sondern dass es auch Chanukkah und den Schabbat gibt. „Das ist doch nicht böse gemeint“, wird manch einer sagen. Und ja, oft ist das ein Versehen, weil wir uns damit bisher wenig befasst haben und die christlichen Feiertage von Seiten des Staates noch immer die „Norm-Feiertage“ sind.

Wirklich böse gemeint waren lange Zeit ganz andere Dinge: Menschen jüdischen Glaubens wurden in der christlichen Lehre als blind und verstockt angesehen, weil sie Jesus nicht als den Messias anerkannten. Sie wurden gar als Christusmörder beschimpft. Ein Zeugnis dafür ist die 1570 festgeschriebene Große Fürbitte der Karfreitagsliturgie, die in ihrem Wortlaut Jahr um Jahr wie folgt gebetet wurde: „Lasset uns auch beten für die treulosen Juden, dass Gott, unser Herr, wegnehme den Schleier von ihren Herzen, auf dass auch sie erkennen unsern Herrn Jesus Christus.“

Erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde die Formulierung nach und nach geändert, sodass schließlich 1974 die heute gültige Form festgeschrieben wurde. Sie lautet: „Lasst uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat: Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluss sie führen will.“

Ein Unterschied wie Tag und Nacht, nicht wahr? Mit der Erklärung „Nostra Aetate“ erkennt das Zweite Vatikanische Konzil endlich die jüdischen Wurzeln des Christentums an und verurteilt Herabwürdigungen oder gar Verfolgungen von Jüdinnen und Juden. Auch, wenn die Erklärung an der einen oder anderen Stelle noch immer nicht ganz über die alten Sprachmuster hinwegkommt, gelingt damit ein riesiger Schritt, der in der Folge zur Intensivierung des jüdisch-christlichen Dialogs führen konnte. Die Konzilsväter begründen dieses Ansinnen mit einem einfachen, biblischen Argument: Niemand kann eine Beziehung zu Gott pflegen, wenn er einem anderen Menschen, der doch genauso von Gott ebenbildlich geschaffen wurde, eine „brüderliche Haltung“ verweigert. Denn: „Wer nicht liebt, kennt Gott nicht!“ (1 Joh 4,8).

Dieses Argument gilt noch immer und lässt sich an vielen Stellen umsetzen:

Wie wäre es beispielsweise,

  • wenn wir mal nicht vom Alten und Neuen, sondern vom Ersten und Zweiten Testament sprechen würden?
  • wenn wir beim Lesen der Verheißungen im Ersten Testament zur Abwechslung nicht sofort die „christliche Brille“ tragen würden, sondern überlegen, dass alles auch ganz anders gemeint sein könnte, und wir damit der jüdischen Schrift ihren Eigenwert ließen?
  • wenn wir noch Platz in unserem Kalender hätten und nicht nur „Frohe Weihnachten“, sondern auch „Frohes Chanukkah“ dort stehen würde?
  • wenn wir uns gegenseitig von Gott und unseren Erlebnissen mit ihm erzählen würden, ohne uns gegenseitig von unserer Position überzeugen zu wollen?

Wenn uns das gelingt, dann sind wir auf dem besten Weg, Antisemitismus etwas entgegenzusetzen. Dann sind wir gemeinsam mit unseren jüdischen Schwestern und Brüdern mittendrin in dem verheißungsvollen Leben, das Gott uns allen zugesagt hat.

 

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