Montag, 20. September 2021

All die guten Gaben

Fortlaufend zu den Themen der Plakatkampagne #beziehungsweise gibt es an dieser Stelle Impulse zum Weiterdenken. Die Gedanken zum elften Plakat Sukkot beziehungsweise Erntedank stammen von Luise Gruender, Pastoralreferentin in der Katholischen Hochschulgemeinde Landau/Germersheim/Speyer.

 

Sukkot beziehungsweise Erntedank

Das Laubhüttenfest Sukkot erinnert an das Überleben in der Wüste und feiert die ersten Früchte der Ernte. Christinnen und Christen danken für die Ernte und bitten um Bewahrung der Schöpfung. Die Erde ist uns allen anvertraut. Feiern for Future!

Sukkot ist das siebentägige „Laubhüttenfest“, das dieses Jahr vom 20.-27. September gefeiert wird. Sukka heißt übersetzt „Laubhütte“.
Seiner ursprünglichen Bedeutung nach ist es ein Erntedankfest für die Obst-, Oliven- und Weinlese sowie die letzte Getreideernte. In den Synagogen wird für alles gedankt und um Regen für das unter Trockenheit leidende Israel gebetet.
Neben diesem natur-gegebenen Anlass ist auch die religiös-historische Bedeutung wichtig: Es wird an die vierzigjährige Wanderung von Ägypten durch die Wüste in das „gelobte Land“ Kanaan erinnert. Während dieser Zeit lebten die Menschen in Hütten, die sie immer wieder neu aus trockenen Palmzweigen bauten. In der Tora steht, dass sie zum Gedächtnis daran, jedes Jahr sieben Tage lang in solchen selbstgebauten Laubhütten wohnen sollen. Bis heute wird deshalb die Sukka aus Brettern, Ästen, Laub und Tüchern errichtet. Für viele Kinder ist das ein ganz besonderes Highlight im Jahr, denn Tage lang vorher werden Holzlatten, Planken, Nägel, Hammer, Draht und anderes Baumaterial gesammelt. Am Ende wird die Hütte mit Blumen oder Früchten geschmückt. Das Dach soll so dicht sein, dass es bei Sonne Schatten bietet und so undicht, dass man bei Nacht die Sterne sehen kann. Die Hütte steht im Garten oder auf dem Balkon. In manchen Wohnsiedlungen werden Gemeinschaftshütten aufgestellt, in denen mehrere Familien abwechselnd essen und Gäste empfangen können. In Großstädten kann man zum Beispiel im Hof der Synagoge eine Laubhütte bauen, in der dann zweimal am Tag eine symbolische Mahlzeit eingenommen wird. Die Sukka erinnert daran, sich auch heute Gottes Schutz anzuvertrauen.
Außer der Hütte ist ein besonderer Feststrauß an Sukkot wichtig: Er wird aus Dattelpalmen-, Myrten- und Bachweizenzweigen gebunden. In eine Hand nimmt man diesen Strauß, in die andere eine Grapefruit, die besonders gut duftet.
Dies alles erinnert mich ein wenig an den christlichen Brauch, am 15. August zum Fest Mariä Himmelfahrt die Kräuterweihe zu feiern. Hier werden Heilkräuter und Blumen gesegnet als Zeichen, dass in der Natur Gottes Heilkräfte wirken und der Mensch dadurch – auch umfassend – „heil“ werden kann.
Der Sukkot-Strauß wird an allen sieben Tagen in der Synagoge nach einem festen Brauch „geschüttelt“. Man bewegt ihn in alle vier Himmelsrichtungen und nach oben und unten.

Diese Bewegung erinnert mich an den christlichen Segensgestus.
Wie der Strauß aus verschiedenartigen Pflanzen zusammengebunden ist, so besteht auch unsere Gemeinschaft aus verschiedenartigen Menschen, die alle zusammen Gott danken und seinen Segen erbitten – egal ob als Juden oder Christen.
Eine Auslegung sagt, dass die Juden wie die Bachweiden über die ganze Welt verstreut leben, aber immer verbunden sind mit ihrer Heimat Israel, in der Palme, Myrte und Grapefruit wachsen.
Am Tag nach Sukkot wird schließlich ein großes Fest in der Synagoge gefeiert. Es ist Simchat Tora, der „Tag der Freude an der Tora“. Die wöchentlichen Lesungen aus der Tora werden mit dem letzten Kapitel abgeschlossen und mit dem 1. Kapitel wieder neu begonnen. Vor der Lesung werden alle Torarollen aus dem Schrein genommen und singend und tanzend siebenmal durch die Synagoge getragen.
Fast zeitgleich feiern die Christen am 1. Sonntag im Oktober ihr Erntedankfest und danken Gott gemeinsam für „… all die guten Gaben“. In Japan heißt das vergleichbare Fest „Niinamesai“ und in den USA „Thanksgiving“. Dankbarkeit ist hier der Königsweg zum Glück.
Doch in den Ländern des Südens fallen die Ernten immer schmaler aus und selbst in Mitteleuropa bangen Bauern um ihre Existenzen. Dürreperioden werden zunehmend länger und der seltene Niederschlag kommt meist in Form von Starkregen, den die ausgetrockneten Böden nicht aufnehmen können. Häufig beschädigt der Starkregen den Besitz und die Ackerfelder der Betroffenen. Nehmen wir das zum Anlass, dankbar zu sein für das, was wir haben und achtsam mit dem umzugehen, was uns geschenkt wird. Es kostet nämlich nichts dankbar zu sein, aber es ändert einfach alles.