Donnerstag, 24. Februar 2022

Hochschulen sind Kirch-Orte der Zukunft

Foto von Helena Lopes von Pexels

Hochschulen als "Kirch-Orte der Zukunft" erläuterte Dr. Irina Kreusch in ihrer Kanzelrede. Diese hielt sie am 13. Februar 2022 im ökumenischen Universitäts- und Hochschulgottesdienst, zu dem die Evangelische Studierendengemeinde und die Katholische Hochschulgemeinde Kaiserslautern in die Friedenskirche Kaiserslautern eingeladen hatten.

Wir stellen den Text an dieser Stelle mit freundlicher Genehmigung von Frau Kreusch zum Nachlesen zur Verfügung:

 

Das ist eine steile These. Haben Sie das gedacht bei diesem Satz? Ja, da haben Sie recht, vor allem in der Implosion der katholischen Kirche. Und nein, da haben Sie meines Erachtens nicht recht. Ich sehe dies anders und erkläre gerne warum.

Zunächst: Ja, da haben Sie recht, denn es könnte übergriffig wirken zu sagen: „Hochschulen sind Kirch-Orte.“ Was soll dies heißen?

  • Universitäten und Hochschulen sind in Deutschland Orte freier Forschung und Wissenschaft.
  • Es darf keinen Druck geben. Es muss die Freiheit der Forschung und Entwicklung geben. Es darf keine ökonomischen oder weltanschauungsgebundenen Zwänge geben.
  • Die akademische Freiheit besteht in Deutschland in der Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre gemäß Art. 5 Grundgesetz, ein Erbe der Weimarer Verfassung. Das ist ein wichtiges Gut, das den Standort Deutschland, das hier konkret den Standort Kaiserslautern als Hochschule und Universität stark macht.

Aber ich halte die Hochschulen auch für Kirch-Orte, gerade jetzt und für die Zukunft. Warum?

  • Sie sind Kirch-Orte, denn hier herrscht auch die Freiheit zu glauben.
  • Hier gilt der Mensch als Ganzes, als er oder sie, als Natur- oder Geisteswissenschaftler, als „Lauterer“ oder Zugereister, als Gläubiger oder Fragender oder Sinnsuchende bzw. suchender.
  • Es geht darum, die Universität als Lebensraum im Ganzen wahrzunehmen.

Was will „Kirch-Ort“ besagen? Es ist ein Begriff aus der neueren Pastoraltheologie. Er stammt aus der Kirchenentwicklung und beachtet das Zusammenspiel von Menschen und Orten als ganzheitliches Geschehen.

Wenn man von „Kirch-Orten“ spricht, dann sind Orte gemeint, „an denen erfahrbar wird, dass Gottes Gegenwart hier wirkt; dass andere merken, dass sie hier leben können.“  (zitiert nach dem Theologen und Autor Christian Hennecke). Es ist also eine große Weite, die sich hier im Begriff „Kirch-Ort“ spiegelt.

Es geht nicht nur um Gebäude und Echtzeit-Orte, sondern um das Miteinander, die Lebendigkeit der Gemeinschaft. Aus theologischer Sicht ereignet sich hier Kirche, griechisch „ekklesia“, eine Versammlung, die wir seit dem Pfingstereignis kennen und zur Gründungsstunde von Kirche wurde. Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, so hat Jesus es seinen Jüngerinnen und Jüngern hinterlassen (vgl. Mt 18,20), da bin ich mitten unter ihnen.

Zwei oder drei und ein paar mehr von hier an der Universität und der Hochschule Kaiserslautern wurden von den Hochschulseelsorger*innen auf meinen Wunsch hin gefragt, warum sie gerne hier in der Hochschulgemeinde sind. Das waren Antworten dazu:

Warum bin ich hier?

  • zum Freunde treffen, zum Glauben und Beten, zum Singen, zum Spielen und Spaß haben

Was schätze ich besonders an meiner Hochschulgemeinde?

  • die Gemeinschaft, neue Leute kennenzulernen, sich zu engagieren für gleiche Ziele, mehr Wissen über Religionen zu erhalten, die Religionen miteinander im Gespräch zu (er)leben

Und oft gibt es ganz persönliche Gründe, die ich als individuelle Einschätzungen sehr spannend und bereichernd lese:

  • den Unistress vergessen, zur Ruhe kommen
  • mein Deutsch verbessern
  • einander helfen
  • die Heilige Schrift besser verstehen
  • weitere coole Veranstaltungen zu erleben
  • „ich fühle mich nicht mehr alleine hier“
  • Hilfe auf dem Weg zum Erfolg im Studium und im Leben

Und so erleben sie diese Gemeinschaft:

  • interkulturell, international
  • gastfreundlich
  • als Vernetzung von Politik und Stadt und Uni

Danke für diese wunderbaren Rückmeldungen und Eindrücke!

Ich fasse es nochmals in einem direkten Zitat zusammen:

Diese „Kirche ist Gemeinschaft, eine große Familie, ein ruhiger Ort zum Beten, weltoffen, international, ein heiliger Ort, hier ist Weltkirche, ein Ort zum Diskutieren, ein Ort des Austauschs, um soziale Kompetenz aufzubauen“ mitten im Hochschuleben.

Wenn ich für eine Vorlage im Bistum Speyer Texte gesucht hätte, die eine analytische Darstellung und eine pädagogische Landkarte von „Kirch-Orten“ hätte geben wollen, wären mir keine besseren Indikatoren zur Hand gekommen! Danke für Ihre ganz persönlichen Worte!

Ihre Rückmeldungen und Eindrücke zeigen, dass eben jener ganzheitliche Ansatz zutrifft. – Sie als Menschen sind hier an Universität und Hochschule – fühlen sich wohl – und können hier Ihre Freiheiten ausleben:

  • Ihre Freiheit zu Wissenschaft, Forschung und Lehre
  • Ihre Freiheit zu glauben, zu zweifeln, zu fragen, zu hadern, zu diskutieren

All das geschieht aus Ihrer persönlichen Perspektive und dies machen Sie mit Ihrer Biographie stark.

Das ist das christliche Element der Gemeinschaft, die einen „Kirch-Ort“, einen Gemeinschaftsort ausmacht.

Das Evangelium des heutigen Tages, Lk 6,17-26, zeigt uns hier sehr vieles, wie diese Gemeinschaft „geht“:

  • Jesus ist bei der großen Schar seiner Jünger*innen. – Diese Schar ist ein Miteinander derer, die seinen Worten lauschen für ihr Leben.
  • Viele Menschen aus ganz Judäa und Jerusalem und dem Küstengebiet von Tyrus und Sidon sind da. – Das ist die Internationalität, die auch unsere Gemeinschaft heute ausmacht.
  • Die Seligpreisungen sind dabei kein einfacher Auftrag – so wie das komplexe Leben heute. Doch sie bieten Orientierungspunkte; einer davon im heutigen Evangelium heißt: „… ihr werdet lachen“ – ein schöner Gedanke, auch um die Gemeinschaft zu stärken.

„Kirch-Ort“ ist damit ein Begriff für alle Orte, an denen Menschen guten Willens miteinander in Frieden leben und feiern und gestalten und auch manchmal lachen. Christinnen und Christen nennen dies kirchliche Sendung, die öffentlich wahr- und angenommen wird. „Kirch-Orte“ sind Erfahrungsorte gelebter Nächstenliebe und Orte von Kirche. „Kirch-Orte“ sind Orte, wo sich Leben in sehr unterschiedlichen Ausprägungen entfaltet.

Für Kirche, Gemeinschaft und Gesellschaft im universitären Kontext halte ich dies für die Zukunft für unabdinglich, vor allem angesichts der immer höheren Komplexität unseres Lebens, digital wie analog:

  • ganzheitlich das Hochschulleben zu gestalten und damit zu bereichern,
  • gemeinschaftlich Zusammenhalt in Glauben, Respekt und Toleranz zu leben, zu feiern, füreinander dazu sein,
  • um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stützen, als Friedensbringer,
  • als Teil kirchlichen (ökumenischen) Angebotes Kirch-Ort zu sein, der lebendig ist durch jeden und jede Einzelnen – denn, jede und jeder zählt!

In der aktuellen Situation der katholischen Kirche ist dies schon lange schwierig im Gesamtsystem: Sexuelle Gewalt, Amtsmissbrauch u.a. Missstände brechen Vertrauen, missbrauchen den Glauben. Dies begleitet und bedrückt mich sehr, und wie ich aus Gesprächen weiß, auch viele Gläubige.

Eine neue Kirche ist und kann nur eine Gemeinschaft sein, die sich dem stellt und gestellt hat, wie dies mit synodalen Wegen aktuell geschieht in Deutschland und weltweit. JETZT ist die Zeit dazu! Strukturen und Systeme sind nachrangig, Glaube bleibt.

Ich habe versucht ein Bild zu finden, und erlaube mir, obwohl ich keine Naturwissenschaftlerin bin, an ein Reagenzglas zu denken, das zerbrechliche Glas, transparent und sichtbar, enthält das hohe Gut, hier das Wasser; selbst wenn das Gefäß geändert wird oder fällt und rissig wird, das Wasser als Stoff bleibt.

Ich bin mit dem Evangelium – der frohen Botschaft – überzeugt, dass die Kirch-Orte vor Ort, hier und in vielen anderen Orten – weiter lebendig und Mut machend gelebt werden – dafür danke ich Ihnen.

Dies macht Mut für die Zukunft und Neubeginn. Sie bringen lebendiges Wasser.

Zum Semesterabschluss heute, hier und jetzt als dem persönlichen Kirch-Ort, der Kaiserslauterer Familie wünsche ich Ihnen und als Gemeinschaft alles Gute, Gottes Segen – gerne mit Ihren eigenen Worten aufgegriffen:

„Hier ist man willkommen - egal welche Farbe, Sprache, Religion, Herkunft man hat.

Hier sind Menschen für mich da, sie unterstützen mich und fragen, welche Probleme ich habe, sie sind wie meine Familie.“

Amen.

 

Dr. Irina Kreusch