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Montag, 20. Juni 2022

Magenza – Jüdisches Leben in Mainz im Wandel der Zeit

Nachbericht

Im Rahmen einer Studienfahrt, organisiert von der Katholischen Erwachsenenbildung Bistum Speyer innerhalb der Jubiläumsreihe „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“, machten sich 25 Teilnehmende aus allen Winkeln des Bistums auf den Weg nach Mainz.

Die erste Etappe der Fahrt war die Pfarrkirche St. Stephan oder – wie die Mainzer*innen sagen würden – „St. Chagall“, die 990 auf der höchsten Erhebung der Stadt von Erzbischof Willigis erbaut wurde und durch die Fenster des jüdischen Künstlers Marc Chagall weithin Berühmtheit erlangt hat. Nachdem die Kirche im Krieg schwer beschädigt wurde und nur allmählich wieder aufgebaut werden konnte, setzte sich in den 70er-Jahren der damalige Pfarrer der Gemeinde ein großes Ziel: Er wollte, dass kein geringerer als Marc Chagall, dessen Werke unter anderem auch in der Kathedrale von Metz, in der Knesset in Israel und der Metropolitan Opera in New York zu finden sind, neue Fenster für St. Stephan gestaltete. Nach einem regen Briefwechsel sagte der Künstler schließlich zu und schuf bis zu seinem Tod 1985 neun große Fenster, die den Raum in ein mystisches Blau tauchen und ihm einen ganz besonderen Charakter verleihen. In der Bildgestaltung, die den Teilnehmenden der Fahrt im Rahmen einer Führung vermittelt wurde, legte Chagall besondere Schwerpunkte: Nahezu alle dargestellten Szenen (bis auf die Kreuzigung Jesu in einem Fensterabschnitt) sind dem Alten – oder besser: Ersten – Testament entnommen und zeigen die lange Geschichte Gottes mit seinem auserwählten Volk. Subtil vermitteln die Fenster dem Betrachtenden: „Sei dir bewusst in welcher Tradition du stehst! Dein Erstes Testament ist die Geschichte des auserwählten Volkes Israel mit seinem Gott. Aus diesen wunderbaren und verheißungsvollen Erfahrungen darfst du, wie auch deine jüdischen Geschwister, noch heute schöpfen.“ Chagall wollte mit seinen Fenstern einen Beitrag zur jüdisch-christlichen Aussöhnung leisten – das gelingt ihm auch heute noch.

Nach der Besichtigung machte sich die Gruppe zu Fuß auf den Weg hinab in die Altstadt. Dabei gab Sonja Haub, Bildungsreferentin der KEB Pfalz, eine kurze Einführung zu markanten Plätze der Stadt – vom Schillerplatz mit Fastnachtsbrunnen über das Staatstheater und Johannes Gutenberg bis hin zur Augustinerkirche. Die Mittagspause verbrachte die Gruppe im Erbacher Hof, der Akademie des Bistums Mainz: Dort konnten sich alle Reisenden zunächst bei einem Mittagessen stärken und anschließend eine Ausstellung zu „Tradition und Identität der Juden in Rheinland-Pfalz“ anschauen.

In der zweiten Tageshälfte machte sich die Gruppe auf gen Synagoge in der Mainzer Neustadt – mit einer Etappe an der reich bemalten Karmeliterkirche und der benachbarten Kirche St. Christoph, die als Ruine inmitten der Stadt als Mahnmal für die Opfer des Krieges steht. Weiter ging es entlang an den Straßen, in denen viele Jahrhunderte die jüdische Bevölkerung in kleinen engen Häusern lebte, bevor sie sich aufgrund neuer Bürgerrechte ihren Wohnort in der Stadt aussuchen durfte. Von der „Judengasse“ ist im heutigen Mainzer Stadtbild aufgrund der Zerstörungen im II. Weltkrieg nichts mehr zu sehen und doch erzählen unzählige „Stolpersteine“ von Mainzer Bürger*innen, die die Stadt geprägt haben und dennoch grausam durch die Nationalsozialisten ermordet wurden.

Schließlich kam die Gruppe an der Neuen Synagoge an, die seit 3. September 2010 der jüdischen Gemeinde in Mainz als Gebets- und Versammlungsraum zur Verfügung steht. In ihrer Architektur, die an Bauten von Daniel Libeskind erinnert, hat der Architekt Manuel Herz zahlreiche Anspielungen auf die wechselvolle jüdische Geschichte verwirklicht. So sind auf dem Vorplatz der Synagoge zahlreiche Glassplitter im Boden eingelassen, die im Sonnenschein schimmerten. Sie erinnern zum einen an die Reichskristallnacht 1938, der die Vorgängersynagoge zum Opfer gefallen ist, zum anderen aber stehen sie für die Sterne des Himmels und erinnern die Besucher*innen an die Verheißung aus Genesis 15 die Gott Abraham gab: „So zahlreich wie die Sterne am Himmel sollen deine Nachkommen sein.“ Auch die Farbe der Synagoge schillert – je nach Blickwinkel und angelehnt an Tage der Freude und der Trauer – zwischen strahlend hellem und bedrohlich dunklem Grün. Hebt man den Blick und schaut das Gebäude in der Totalen an, stellen seine Umrisse den jüdisch-liturgischen Begriff „keduscha“ / השודק (deutsch: Heiligung) dar. Der erste Buchstabe rechts ist an die Form eines Schofars – ein Widderhorn, das als liturgisches Instrument benutzt wird – angelehnt. Es steht für die Kommunikation mit Gott und rief traditionell die jüdische Gemeinde zusammen. Auch heute versammeln sich wieder rund 1100 Gemeindemitglieder, um gemeinsam zu beten, zu lernen und zu feiern. Im eigentlichen Gebetsraum angekommen, erfuhr die Gruppe von einer sachkundigen Führerin der Gemeinde viele interessante Details zu den Ritualen und Bräuchen im jüdischen G’ttesdienst sowie zum Judentum als Wortreligion. Auch letzteres wurde in der Architektur aufgegriffen: So sind die Wände übersäht von hebräischen Buchstaben, die ab und an ein Bibelzitat freigeben, und das große Deckenfenster des Raumes, das sich direkt in den Himmel öffnet, bildet in seiner Anordnung eine Seite des Talmud ab. Besonders beeindruckt war die Gruppe schließlich von einer der vier Tora-Rollen, die die Belagerung Leningrads im II. Weltkrieg überstanden hatte und als Schenkung nach Mainz kam.

Reich von neuen Eindrücken und Erfahrungen trat die Gruppe schließlich ihren Rückweg an. Und für alle, die mit einem Besuch der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt liebäugeln: Es lohnt sich!

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