Montag, 25. Oktober 2021

Erinnern für die Zukunft

Fortlaufend zu den Themen der Plakatkampagne #beziehungsweise gibt es an dieser Stelle Impulse zum Weiterdenken. Die Gedanken zum zwölften Plakat Sachor beziehungsweise 9. November stammen von Nico Körber, Pastoralreferent in der Katholischen Hochschulgemeinde Landau/Germersheim/Speyer.

Ein Rabbi fragte seine Schüler: „Wie erkennt man, dass die Nacht zu Ende geht und der Tag beginnt?” Die Schüler fragten: „Ist es vielleicht dann, wenn man einen Hund von einem Kalb unterscheiden kann?” „Nein”, sagte der Rabbi. „Ist es dann, wenn man einen Feigenbaum von einem Mandelbaum unterscheiden kann?” „Nein”, sagte der Rabbi. „Wann ist es dann?” fragten die Schüler. „Es ist dann”, sagte der Rabbi, „wenn du in das Gesicht irgendeines Menschen blicken kannst und deine Schwester und deinen Bruder siehst. Bis dahin ist die Nacht noch bei uns.”

Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 ist eine der schwärzesten Nächte und bleibt eine verstörende und beschämende Wegmarke unserer Geschichte. Jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger wurden nicht nur nicht als Schwestern und Brüder gesehen, sondern allerorten in Deutschland misshandelt. Zehntausende wurden in Konzentrationslagern interniert, vierhundert von ihnen in dieser Nacht ermordet. Weit über eintausend ihrer Synagogen und Bethäuser wurden niedergebrannt und unzählige Geschäfte zerstört. Die Pogromnacht am 9. November markiert einen menschenverachtenden Wendepunkt der deutschen Geschichte: Von nun an wurde die jüdische Bevölkerung nicht mehr vertrieben, sondern sollte systematisch vernichtet werden.

An diese Verbrechen zu erinnern, bleibt auch über 75 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs eine äußerst unbequeme Zumutung, die nichts von ihrer Beunruhigung verliert: Wie konnte es in einem Land im sogenannten „Christlichen Europa“ soweit kommen, dass sich eine perfide Ideologie durchsetzt, der Millionen von Menschen auf grausame Weise zum Opfer fallen?
Wir können Geschichte nicht rückgängig machen. Wir können auch den getöteten Menschen keine Gerechtigkeit mehr widerfahren lassen. Aber wir können uns erinnern, um sie nicht dem Vergessen preiszugeben. Dann hat die gemeinsame Erinnerung das Potential, in der Gegenwart Begegnung und Versöhnung zu stiften und in der Zukunft Menschenleben zu retten.


Drei Facetten der Erinnerung

Die erste Facette: Die Menschenverachtung des Naziregimes hat nicht in der unheilvollen Nacht am 9. November angefangen. Der Weg dahin war gepflastert mit unzähligen Steinen des Nicht-Wissen-Wollens, des Wegschauens und der größer werdenden Toleranz gegenüber dem Rassismus und der Ideologie der Nazis. Das muss uns in einer Zeit wiedererstarkender Nationalismen in Europa und antisemitischer Taten auch in Deutschland alarmieren. In ihrem Buch „Gegen den Hass“ zeigt Carolin Emcke auf, wie wichtig es ist, dem Hass rechtzeitig zu begegnen und sich nicht ins Private zurückdrängen zu lassen: „Den Hass nicht erst ab dem Moment zu betrachten, wo er sich blindwütig entlädt, eröffnet andere Handlungsoptionen. Für bestimmte Formen des Hasses sind Polizei und Staatsanwaltschaft zuständig. Aber für die Formen der Ausgrenzung und Eingrenzung, für die kleinen und gemeinen Techniken der Exklusion in Gesten und Gewohnheiten, Praktiken und Überzeugungen, dafür sind alle in der Gesellschaft zuständig. … Das lässt sich nicht delegieren.“

Die zweite Facette: Gott greift nicht unmittelbar ein. Es ist naiv, zu glauben, dass Gott das Schlimmste schon verhindern wird. Sich als gläubiger Mensch dieser Perspektive zu stellen, kann extrem verunsichern: Gott hat unvorstellbar Grausames zugelassen. Die Erinnerung an das Nicht-Eingreifen Gottes rüttelt mich auf. Wo war und wo ist Gott? Kann ich überhaupt noch an ihm festhalten? Und der nächste Gedanke: Wirkt Gott womöglich nur mittelbar? Durch Menschen? Durch mich? Und bedeutet Nachfolge im christlichen Sinn deshalb, für Gott einzustehen, weil er selbst schweigt? Bedeutet Nachfolge ehrlich hinzuschauen und offenes und verdecktes Unrecht – egal, wer es verübt – zu benennen und gerade nicht mitzumachen? Bedeutet der Glaube an die Auferstehung, im wahrsten Sinn des Wortes aufzustehen und sich den unheilvollen Kräften und Mechanismen unserer Gesellschaft entgegenzustellen?

Das führt zu einer dritten Facette: „Man muss etwas machen, um selbst keine Schuld zu haben“, schreibt Sophie Scholl und gibt ein beeindruckendes und bleibendes Zeugnis von Zivilcourage. Wir dürfen uns an Menschen erinnern, die aus innerer Überzeugung und nicht selten aus ihrem Glauben heraus, Widerstand geleistet haben. Sie waren nicht in der Mehrheit, aber es gab derer viele.
Und es gab jüdische Überlebende, die nach dem Ende des zweiten Weltkrieges im „Land der Täter“ geblieben sind. Dazu kamen aus den östlichen Ländern viele entwurzelte, geflüchtete jüdische Menschen. Sie haben zusammen den Grundstein dafür gelegt, dass jüdisches Leben und die jüdische Kultur in Deutschland entgegen den fanatischen Absichten des Naziregimes nicht ausgelöscht wurden. Sie haben auf ihre Weise Widerstand geleistet, indem sie geblieben sind.
Die Erinnerung an diese Menschen des Widerstands ist eine Brücke in unsere Zeit und unsere Zukunft. Ihrem Mut und ihrem Rückgrat ist es zu verdanken, dass die Erinnerung an den 9. November nicht bei tatenloser Scham und Betroffenheit enden muss. Sie sind Zeugen dafür, dass es anders geht, und dass Geschichte nicht zwangsläufig ist. Sie können uns mit der Zuversicht anstecken, dass der und die Einzelne – also auch ich! – einen Unterschied machen kann. Die Menschen des Widerstands halten die Entscheidung offen, ob die Nacht bei uns bleibt oder ob wir unsere Schwester, unseren Bruder erkennen, wenn wir in das Gesicht irgendeines Menschen blicken.