Freitag, 19. November 2021

Wundervoll

Fortlaufend zu den Themen der Plakatkampagne #beziehungsweise gibt es an dieser Stelle Impulse zum Weiterdenken. Die Gedanken zum dreizehnten Plakat Chanukka beziehungsweise Weihnachten stammen von Sonja Haub, Bildungsreferentin Katholische Erwachsenenbildung Speyer.


Vor ein paar Jahren war ich auf einer Bildungsakademie irgendwo in einem Bildungshaus mitten im Bayerischen Wald. Wenn ich „irgendwo“ sage, meine ich damit nicht, dass mir mein Aufenthaltsort bis heute unbekannt ist. Nein, es fühlte sich einfach an, als sei dort sonst nichts als dieses Bildungshaus. Bewusst geworden ist mir das besonders nach dem Sonnenuntergang:

Ich habe noch nie eine Nacht erlebt, die so dunkel war.

Von zu Hause bin ich gewöhnt, dass der Himmel nie richtig dunkel wird. Auf dem Dorf sind es Straßenlaternen, die die Nacht erhellen. Und selbst auf dem Feld ist der Himmel viele Kilometer weit von einem dämmrig-gräulichen Schleier überzogen, der durch das Licht der Fabriken in den umliegenden Großstädten entsteht.

All das fehlte bei meiner Akademie im Wald. Es war wirklich zappenduster – vor allem wenn der Himmel wolkenverhangen war. Dann konnte man die eigene Hand nicht mehr vor Augen sehen.

Für Menschen früherer Zeitalter gehörte das einfach dazu. Die Nacht war nunmal schwarz und unwirtlich. Licht zu erzeugen war mit großem Aufwand sowie hohen Kosten verbunden und wurde – je kürzer die Tage waren – eine immer größere Herausforderung. Wie naheliegend, dass bei Juden und Christen Feste auf das Jahresende fallen, die untrennbar mit hell machendem, Hoffnung bringendem Licht verbunden sind. Beide Feste, Chanukka wie Weihnachten, sind Feste voller Wunder:

Im 2. Jahrhundert v.d.Z. kam es zu einem Aufstand der Makkabäer gegen die Griechen. Letztere hatten den Jerusalemer Tempel geschändet und jüdische Religionsausübung verboten. Dagegen lehnten sich die Makkabäer in schweren Kämpfen auf. Sie eroberten den geschändeten Jerusalemer Tempel zurück, weihten ihn wieder ein und feierten acht Tage lang. Erst viel später, im babylonischen Talmud, erzählte man sich, es habe damals nur ein kleines Krüglein Öl zum Anzünden des siebenarmigen Leuchters gegeben. Nur einen Tag hätte das Öl reichen sollen, doch das kleine Krüglein reichte wundersam aus, den Leuchter acht Tage lang am Brennen zu halten. Wenn jüdische Menschen heute Chanukka feiern, erinnern sie sich acht Tage lang an die Tempelweihe und feiern die Wundertaten Gottes. Jeden Abend entzünden sie, meist im Kreis der Familie, ein Licht mehr an der Chanukkiah, einem speziellen Leuchter.

Das fortschreitende Anzünden von Kerzen ist auch uns Christ*innen nicht fremd. Wir tun dies an den vier Adventssonntagen zu Hause oder im Gottesdienst meist an „Adventskränzen“, wobei sich hier zunehmend ganz unterschiedliche Formen durchsetzen. Wir lesen uns adventliche Geschichten vor oder hören alttestamentliche Lesungen voller wundersamer Verheißungen – alles deutet in Richtung des Weihnachtsfestes, an dem das für uns größte Wunder geschieht: Gott wird Mensch. Es kommt ein strahlendes Licht ins Dunkel.

Die Dunkelheit war zwar früher greifbarer als heute, wo blinkende Lichterketten und hell erleuchtete Buden die Straßen in gleißendes Licht tauchen können. Und trotzdem wissen wir gerade in diesen Tagen zu gut, was es heißt, wenn es im Dezember dunkel und kalt wird – nicht immer hat das im menschlichen Leben nur mit ausreichend Helligkeit zu tun.

Jüdische und christliche Menschen können mit Chanukka oder Weihnachten eine Antwort auf die Dunkelheiten im menschlichen Leben finden. Beide Festzeiten erzählen von Wundern, von Hoffnung und von erstrahlendem Licht, wo es zuvor finster war.

Wenn ich mir das bildlich vor Augen halten möchte, denke ich wieder an meine Akademie „irgendwo“ im Bayerischen Wald. Wenn dort die Wolkendecke aufriss, eröffnete sich mitten in der düstersten Nacht der Blick auf ein Sternenmeer. Die Milchstraße – unsere Heimatgalaxie – wölbte sich klar erkennbar wie ein breites Band aus kleinen Lichtpunkten von Horizont zu Horizont. Noch nie habe ich so viele kleine Sterne gesehen. Wie wundervoll wäre es gewesen, wenn auch noch ein großer, geschweifter Stern am Himmel gestanden hätte…