Donnerstag, 14. April 2022

Gründe, Anlässe und keine guten Perspektiven

Es gibt Gründe, aus der Kirche auszutreten. Und es gibt nicht wenige Anlässe, die den (letzten) Impuls geben, dies tatsächlich zu tun. Welche Gründe nennen Menschen für ihre Entscheidung, der Kirche den Rücken zu kehren? Gibt es typische Anlässe für den Austritt? Petra-Angela Ahrens hat sich in einer repräsentativen Studie mit Kirchenaustritten seit 2018 befasst. Betrachtet wurden dabei in gleicher Anzahl Austritte aus den evangelischen und der katholischen Kirche(n).

Die Studie wurde herausgegeben vom Sozialwissenschaftlichen Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland. Sie ist in vollem Umfang frei verfügbar (Lizenz CC BY-SA 4.0) und kann hier heruntergeladen werden.

Die zentralen Ergebnisse fasse ich folgend zusammen.
Anschließend versuche ich notwendige Konsequenzen, die aus der Studie gezogen werden sollten, aufzuzeigen.

Anzahl der Kirchenaustritte

In den Jahren 2018 bis 2020 waren im langjährigen Vergleich absolut und prozentual besonders viele Austritte aus der katholischen und den evangelischen Kirchen zu verzeichnen – in 2020 sogar trotz der pandemiebedingt eher erschwerten Bedingungen für einen Kirchenaustritt. Diese besonders hohen Austrittszahlen der jüngsten Jahre deuten an, dass sich die Mitgliedszahlen der Kirchen, wenn nicht sehr schnell wieder niedrigere Austrittszahlen zu verzeichnen sind, noch ungünstiger entwickeln könnten als in der sogenannten „Freiburger Studie“ prognostiziert. Die Prognosen der Freiburger Studie basierten auf Austrittszahlen bis 2017 und errechneten eine Halbierung der Mitgliedszahlen bis zum Jahr 2060.

Austrittsalter

Kirchenaustritte erfolgen in jüngeren (= 18-35) und mittleren (= 36-59) Lebensjahren wesentlich häufiger als in gehobenem und höherem Alter (ab 60 Jahren). Damit fehlen den Kirchen nicht nur die Austretenden, sondern auch deren Kinder als Nachwuchs – eine sich selbst verstärkende Entwicklung.

Austrittsgründe

Die Gründe für einen Kirchenaustritt lassen sich in vier Clustern gruppieren, von denen die beiden ersten besonders schwerwiegend sind, weil die in ihnen gebündelten Begründungen besonders hohe Zustimmungswerte verzeichnen.

Gründe, die die Irrelevanz von Religion und Kirche für das eigene Leben beschreiben, werden katholischer- wie evangelischerseits in ähnlichem hohem Umfang von den Befragten genannt. Mit diesen Gründen „wird zum Ausdruck gebracht, dass Religion, Glaube, Kirche sowie die praktische kirchliche Einbindung vor Ort im eigenen Lebenskontext keine Bedeutung haben.“ (Seite 42) In diesen ersten Cluster gehören Begründungen wie „weil ich in meinem Leben keine Religion brauche“, „weil ich mit dem Glauben nichts mehr anfangen kann“, „weil mir die Kirche gleichgültig ist“ und „weil ich die kirchlichen Angebote nicht nutze“. Die Begründungen dieses ersten Clusters werden von jüngeren Menschen besonders häufig genannt.

Die Top 3 der Austrittsgründe der befragten Ex-Katholiken finden sich in einem zweiten Cluster: „Die Unglaubwürdigkeit der Kirche rangiert mit Abstand an erster Position, gefolgt von der mangelnden beziehungsweise fehlenden Gleichstellung der Frauen sowie der Abgrenzung von den kirchlicherseits vertretenen Werten. Dabei neigen sie (in der Reihenfolge: mit 56 %, 43 % und 56 %) wesentlich häufiger der entschiedenen Zustimmung (trifft voll und ganz zu) zu als die vormals Evangelischen, worin sich (…) eine affektive Aufladung auszudrücken scheint. Zugleich zeigen sich bei diesen Voten mit 16 bis zu 32 Prozentpunkten auch die größten Differenzen zu den vormals Evangelischen, wobei noch zu bedenken ist, dass es auch unter diesen große Mehrheiten sind, die diese Sichtweisen bestätigen.“ (Seite 40) Diesen zweiten Cluster an Austrittsgründen beschreibt die Autorin unter der Bezeichnung kirchliches Versagen. Hierzu zählt neben den oben genannten Top 3 auch der Austrittsgrund, dass „die Kirche nicht das lebt, was Jesus eigentlich wollte“.

Die dritten und vierten Cluster an Austrittsgründen tragen die Bezeichnung Kritik am Handeln der Kirche 1 und 2. Auf ex-katholischer wie ex-evangelischer Seite stimmen rund 70% der Befragten der Aussage zu, dass sie aus der Kirche ausgetreten sind, „weil ich meinen Glauben auch ohne die Kirche leben kann“. Die übrigen Begründungen aus diesen beiden Clustern erhalten im Vergleich zu den bereits genannten deutlich geringere Zustimmung, sind mit Zustimmungswerten von etwa 20-30% aber auch nicht vernachlässigbar. Hierzu zählen Begründungen wie „weil sich die Kirche nicht um mich gekümmert hat“, „weil sich die Kirche an den Zeitgeist anbiedert“ und „weil sich die Kirche zu sehr um Politik kümmert“. Außerdem lässt sich die bereits genannte Begründung „weil die Kirche nicht das lebt, was Jesus eigentlich wollte“ auch dem dritten Cluster zuordnen.

Austrittsanlässe

Von allen Befragten nennt nur ein knappes Drittel konkrete Anlässe, die zu ihrer Austrittsentscheidung geführt haben. Doch hierbei gibt es interessante Details:

  • Konkrete Anlässe spielen bei Ex-Katholiken eine deutlich größere Rolle als bei Ex-Protestanten (37% gegenüber 24%).
  • Konkrete Anlässe werden deutlich häufiger von älteren Personen genannt als von jüngeren.
  • Die Kirchenbindung dieser Personen ist höher als bei denen, deren Entscheidung schon länger zurücklag oder die einfach eine gute Gelegenheit zum Austritt genutzt haben.
  • Die Intensität der Antworten lässt besonders bei Ex-Katholiken auf eine gewisse affektive Aufladung schließen. (Man könnte wohl auch von „Ärger“ sprechen.)

Und welche Anlässe werden genannt? Auf ex-katholischer Seite nennen

  • 79% Kindesmissbrauch durch kirchliche Funktionsträger/innen
  • 63% Ablehnung von Homosexuellen in der Kirche
  • 61% Skandale um Verschwendung finanzieller Mittel in der Kirche
  • 45% kirchliche Stellungnahmen, über die ich mich geärgert habe.

Diese vier „katholischen“ Anlässe werden alle häufiger genannt als der relevanteste „evangelische“ Anlass (41% für Kindesmissbrauch durch kirchliche Funktionsträger/innen).

Die Kirchensteuer

Die Kirchensteuer spielt als Austrittsgrund oder -anlass bei jüngeren Menschen eine größere Rolle als bei älteren.

Die Kirchensteuer „gerät vor allem dann als Kostenseite der Kirchenmitgliedschaft ins Bewusstsein, wenn es keine religiös-kirchliche Bindung (mehr) gibt. Allerdings zählt sie bei den vormals Katholischen nicht zu den Austrittsgründen, die an vorderster Stelle in der Rangfolge stehen. Stattdessen erreichen Unmutsbekundungen höchste Priorität, die sich auf ein Versagen der Kirche sowohl am eigenen Anspruch („Unglaubwürdigkeit“) als auch in der „modernen Gesellschaft“ richten, deren Anforderungen wie zum Beispiel „der Gleichstellung von Frauen“ sie nicht gerecht wird.“ (Seite 50)

„Es sind vor allem die eher generalisierenden Bewertungen (Zwangsabgabe, mangelnde Transparenz der Mittelverwertung) sowie die (…) Kosten-Nutzen-Abwägungen, die für die Ausgetretenen im Blickpunkt stehen, wenn es um die Bedeutung der Kirchensteuer geht.“ (Seite 54)

Und nun?
Taten oder Lippenbekenntnisse?

Das Lebensgefühl „religiöse Fragen und/oder die Kirche haben für mich keine Relevanz“ ist gesellschaftlich verbreitet und der Kirchenaustritt die logische Konsequenz. Dass ausgehend von diesem Lebensgefühl auch die Kirchensteuer kritisch betrachtet wird und Kosten-Nutzen-Erwägungen angestellt werden, ist naheliegend. Hier sehe ich kaum eine Chance, nachhaltig einen völlig neuen Trend zu setzen – und die beinahe vernachlässigbar geringen Eintrittszahlen bestätigen diese Einschätzung.

Sehr viel mehr Handlungsoptionen hat man bei der eigenen Glaubwürdigkeit, bei der Diskriminierung von Frauen, bei der Diskriminierung von Homosexuellen – Themen, die die katholische Kirche im Synodalen Weg erstmals „offiziell“ diskutiert.

Wenn die katholische Kirche es mit diesem Reformbedarf ernst meint, dann muss sie sich kurzfristig an die Umsetzung dieser Reformen machen. Jetzt. Nur mit Debatten, die gesellschaftlichen Diskursen Jahrzehnte hinterherhinken, gewinnt man keine Glaubwürdigkeit, beendet man keine Diskriminierung (und setzt man den Austrittsgründen nichts entgegen).

Wie könnte eine solche Umsetzung konkret aussehen?
Am Top 3-Austrittsgrund „weil die Kirche der Gleichstellung von Frauen nicht nachkommt“ lässt sich dies mit einigen exemplarischen Notizen verdeutlichen:

Der Diözesanversammlung des Bistums Speyer lag in der letzten Sitzung ein Antrag zur „Frauenförderung im Bistum Speyer“ vor. Der Antrag war eher unspektakulär, denn die Weihe von Priesterinnen war nicht Teil des Antrags. Der Antrag wurde intensiv debattiert und der Presse zufolge endete die Debatte im Chaos.

Im ersten Anlauf wurde also die Chance vertan, wenigstens einen kleinen Reformschritt zu gehen. Doch der Antrag wurde nicht abgelehnt, er wurde vertagt. Man darf also gespannt sein, wie es weitergeht mit den Chancen von Frauen in der katholischen Kirche – in Speyer und darüber hinaus:

Nutzt das Bistum die Chance, einen ersten Reform-Schritt zu gehen, der für Frauen etwas weniger Diskriminierung bedeuten würde? Wenigstens kirchenintern wäre die Annahme und Umsetzung des Antrags ein freundliches Signal, wurde er doch aus den Reihen der Versammlung (und nicht der Hierarchie) formuliert und eingebracht. „Kirche kann von Kirchenmitgliedern gestaltet und zukunftsfähig gemacht werden“ wäre die Botschaft im Falle der Antragsannahme und der anschließenden praktischen Umsetzung.

Oder lässt das Bistum die Chance auch im zweiten Anlauf verstreichen und veröffentlicht anschließend Stellungnahmen, wie „wichtig“ Frauenförderung sei und dass man am Thema „dran“ sei. Bleibt es also wieder bei Stellungnahmen, die zwar Einsicht und Handlungsbereitschaft signalisieren, aber keine praktischen Konsequenzen haben? Georg Bätzing (hier nachzulesen auf katholisch.de) weist auf die Problematik dieser ewigen Lippenbekenntnisse hin: „Es stimmt ja auch: Wie lange reden wir schon davon, dass wir an Veränderungen dran sind?“, gibt er zu und sieht in den Austritten kirchenverbundener Katholikinnen und Katholiken „ein Zeichen gegen die wahrgenommene Veränderungsresistenz ihrer Kirche“.

Peter Kohlgraf (ebenfalls auf katholisch.de nachzulesen) sieht „gute Gründe“ für die Weihe von Frauen, erwartet in seiner Amtszeit als Mainzer Bischof trotzdem keine Priesterinnen. Er verweist auf den Papst, der „die Weltkirche zusammenhalten“ müsse und dort gebe es eben auch völlig andere Positionen. „Warum“, wird er gefragt, „riskiert nicht ein einziger deutscher Bischof einen Schritt, der ihn sein Amt kosten könnte, etwa, indem er eine Frau zur Priesterin weiht, und sagt: Mal sehen, was jetzt passiert?“

Seine Antwort lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen: Dies ist kirchenrechtlich nicht vorgesehen.

Fazit

Mag sein, dass diese von Peter Kohlgraf dargelegte zeitliche Perspektive realistisch ist.

Doch die Konsequenzen dieser zeitlichen Perspektive sind auch realistisch. Man muss kein Prophet sein, um die Auswirkungen eines solch passiven Amtsverständnisses zu Ende zu denken:

Bischöfe danken üblicherweise im Alter von 75 Jahren ab. Peter Kohlgraf hat demnach noch etwa 20 Amtsjahre vor sich. So nüchtern wie er auf die Chancen von Frauen in der katholischen Kirche blickt, so nüchtern lässt sich beschreiben, wie sich weitere Jahrzehnte ohne grundlegende Veränderungen auf die Mitgliedszahlen auswirken werden. Die in der Studie genannten Austrittsgründe weisen den Weg: Die Kirche bleibt unglaubwürdig. Sie bleibt diskriminierend. Sie lebt weiterhin nicht das, was Jesus eigentlich wollte.

Und irgendwann in gar nicht so ferner Zukunft werden die Bischöfe alleine in der Kirche verblieben sein und sich weiterhin brav an alle Regeln halten, die es kirchenrechtlich in der katholischen Kirche zu beachten gibt: Sie segnen keine homosexuellen Paare. Sie stellen sicher, dass Wiederverheirate nur ausnahmsweise an der Kommunion teilnehmen dürfen. Sie erklären katholische Sexualität. Sie wachen darüber, dass evangelische und katholische Christen nicht gemeinsam am Tisch des Herrn feiern, – und beten für die Einheit der Christen. Sie tun nichts, was den Anschein erwecken könnte, Frauen seien gleichberechtigt. Sie loben, wie gut der Papst die Weltkirche zusammenhält. – Gott sei Dank!

Nur ihre eigenen Schäfchen sind ihnen im Laufe der Jahrzehnte abhandengekommen.
Sie sind ausgetreten. Begründet ausgetreten.
Und ihren Glauben haben sie mitgenommen. Das ist doch mal eine frohe Botschaft.

Frohe Ostern!

Ingo Faus
Katholische Erwachsenenbildung im Bistum Speyer

 

Bild: Peter Weidemann
In: Pfarrbriefservice.de