Donnerstag, 12. November 2020

„Träumerin“

Nicht erst seit dem letzten Wochenende richten sich alle Augen nach Amerika. Nach vier Jahren Präsidentschaft des umstrittenen Republikaners Donald Trump wurde neu gewählt.

Alle Hoffnungen und Ängste schienen auf dieser Wahl zu liegen, deren Stimmauszählung noch immer nicht abgeschlossen ist. Nach aktuellen Zählungen hat der Demokrat Joe Biden die Wahl zwar gewonnen – ausgetragen ist der Konflikt um die Präsidentschaft aber noch lange nicht.

Für unsere Verhältnisse mögen in Amerika gerade chaotische Zustände herrschen. Zumindest sind wir es in Deutschland (bisher – zum Glück) kaum gewohnt, dass Wahlen nicht anerkannt und Amtsübergaben boykottiert werden. Manch einer mag den Kopf schütteln und sagen: „Typisch Amerika“.

Meines Erachtens greift das aber zu kurz. Wenn man in diesem komplexen Bereich überhaupt von scherenschnittartigen, sicher verkürzenden, „typischen“ Merkmalen sprechen kann, möchte ich gerne einen anderen Punkt ins Scheinwerferlicht rücken, der mich immer wieder beeindruckt:

Amerika scheint mir noch immer das einzige Land zu sein, in dem man offen – und ohne belächelt zu werden – über große Träume spricht. Zumindest haben der „American Dream“ und Hollywood als „Traumfabrik“ das Land maßgeblich geprägt. Ein „Träumer“ jedenfalls ist dort kein „Entrückter“, der nur Flausen im Kopf hat, nein, er zeigt, dass er an sich, an seine Vision und – ja – meist auch an eine bessere Welt glaubt – das gilt natürlich genauso für unzählige „Träumerinnen“.

Eine „Träumerin“ hat am Wochenende die amerikanische Bühne mit einem herzlichen Lächeln und einem schlichten „Guten Abend“ betreten.

Die Rede ist von Kamala Harris, die Joe Biden als Vizepräsidentin zur Seite stehen wird. Sie ist die erste Frau und Person of Colour in diesem Amt und trägt damit zur Erfüllung eines Traumes bei, den der Bürgerrechtler und Friedensnobelpreisträger Martin Luther King in seiner wohl berühmtesten Rede „I have a dream“ formuliert hat: Die Vision von der Gleichheit aller Menschen – egal welcher Hautfarbe.

Dieser Traum treibt auch Harris an, die genau weiß, dass es bisher nicht selbstverständlich war, dass eine dunkelhäutige Frau Vizepräsidentin wird.

Doch in ihrer Siegesrede vom 7. November 2020 gibt sie Amerika und der ganzen Welt noch deutlich mehr mit:

In einem weißen Hosenanzug, der eine Hommage ist an das Weiß der Suffragetten – jener Frauen, die seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts um (politische) Gleichberechtigung kämpften –, spricht sie von Demokratie als einem wertvollen Gut, das keineswegs selbstverständlich ist. Um Demokratie muss man kämpfen – immer wieder! –, man muss sein Recht auf freie Wahlen ernst nehmen und es annehmen, wenn man gemeinsam an einer besseren Zukunft bauen möchte. Das gilt nicht nur für Amerika…

Und auch ein weiterer Aspekt ihrer Rede ist nicht nur „über dem großen Teich“ von Relevanz. So lenkt sie den Blick auf ihre Rolle als Frau im Amt der Vizepräsidentin und sagt: „While I may be the first women in this office, I will not be the last“ (übersetzt: „Ich mag vielleicht die erste Frau in diesem Amt sein, aber ich werde nicht die letzte sein“). So geht sie als Beispiel für unzählige junge Frauen voran. Vielleicht ist es das, was sich abzeichnet, wenn in einem deutschen Kindergarten ein Mädchen fragt: „Können eigentlich auch Jungen Bundeskanzlerin werden?“

Und dann gibt Kamala Harris allen Kindern – gleich jeder Farbe und jeden Geschlechts – eine starke Botschaft mit: „Dream with an ambition, lead with conviction and see yourselves in a way, that others may not, simply because they’ve never seen it before.“ Übersetzt bedeutet das etwa: „Träumt mit Ehrgeiz, führt mit Überzeugung, und seht euch so, wie euch andere nicht sehen, weil sie euch einfach noch nicht gesehen haben.“

Ich meine, das ist ein Statement, das wir alle uns zu Herzen nehmen dürfen, wenn es darum geht, zum „Träumer“ oder zur „Träumerin“ zu werden, wenn wir Neues denken und neue Wege beschreiten wollen, wenn wir unsere Welt, unseren Planeten, unsere Gesellschaft und – ja – auch unsere Kirche positiv verändern wollen.

 

Die vollständigen Reden von Kamala Harris und Joe Biden finden Sie zum Nachhören hier:

www.zdf.de/nachrichten/heute/us-wahl-2020-biden-rede-prasident-100.html

Rückmeldungen und Kommentare gerne an sonja.haub@bistum-speyer.de.