Dienstag, 16. Februar 2021

Nachhaltigkeit und Verantwortung gegenüber der Schöpfung

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"Nachhaltigkeit und Verantwortung gegenüber der Schöpfung" stellte Prof. Dr.-Ing. Karsten Glöser ins Zentrum seiner Kanzelrede. Diese hielt er am 7. Februar 2021 im ökumenischen Universitäts- und Hochschulgottesdienst, zu dem die Evangelische Studierendengemeinde und die Katholische Hochschulgemeinde Kaiserslautern in die Friedenskirche Kaiserslautern eingeladen hatten.

Wir stellen den Text an dieser Stelle mit freundlicher Genehmigung von Herrn Glöser zum Nachlesen zur Verfügung:

Nachhaltigkeit und Verantwortung gegenüber der Schöpfung – ein großes Thema, genügend Stoff, um eine einsemestrige Vorlesungsreihe füllen zu können. Aber keine Angst, ich versuche mich an den Grundsatz zu halten, dass eine Predigt über alles gehen darf, nur nicht über 15 Minuten.

Nachhaltigkeit und Verantwortung, Nachhaltigkeit und Schöpfung – wie selbstverständlich hängen diese Begriffe für uns zusammen. Doch bei der Vorbereitung auf dieses Thema bin ich auf essentielle Fragen gestoßen: Wie genau hängen diese Begriffe zusammen? Hängen sie tatsächlich zusammen? Wie ist es um die Nachhaltigkeit in unserem christlichen Alltag bestellt? Natürlich, eine Gemeinschaft, die seit über 2.000 Jahren Bestand hat, die es durch alle Irrungen und Wirrungen der Geschichte, durch Kriege, Katastrophen und Verfolgung geschafft hat und die auch heute noch, in einer völlig technologisierten Welt das Fundament unseres Wertesystems bildet, muss in einem besonderen Maße nachhaltig sein. Oder gerade heute, in einer Zeit, in der die Menschheit nach Halt und Antworten auf existenzielle Fragen sucht.

Erste Antworten erhoffte ich mir aus dem Fundament unseres Glaubens, der Heiligen Schrift. Dabei findet sich der Begriff „Nachhaltigkeit“ in der gesamten Bibel kein einziges Mal. Dagegen lesen wir in Genesis, Kapitel 1, Vers 28 „Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“ Untertan machen? Herrschen? Der Schöpfung nicht auf Augenhöhe begegnen? Ist das nicht eines unserer Kernprobleme oder resultiert daraus bereits eine Verantwortung? Weiter geht es mit dem Sündenfall, der Vertreibung aus dem Paradies und Kains Brudermord. Verantwortung gegenüber Gottes Schöpfung klingt für mich irgendwie anders. Doch schon wenige Seiten weiter wurde ich fündig: Nachdem eine große Flut – heute würde man vielleicht von einem Tsunami sprechen – alles Leben auf der Erde vernichtet und nur die Besatzung eines Schiffes die Katastrophe überlebt hat, steht da in Kapitel 9, Vers 16: „Darum soll mein Bogen in den Wolken sein, dass ich ihn ansehe und gedenke an den ewigen Bund zwischen Gott und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, das auf Erden ist.“ Gott stiftet also einen ewigen Bund mit den Menschen und allem Leben auf der Erde. Und als sichtbares und auch mahnendes Zeichen für den Erhalt seiner Schöpfung, setzt er den Regenbogen an den Himmel. Und obwohl dieses Versprechen in der biblischen Geschichte nur einseitig von Gott gegenüber den Menschen abgegeben wurde, so sollte der Regenbogen auch für uns Symbol und Mahnung dafür sein, nachhaltig und verantwortungsvoll mit der uns von Gott anvertrauten Schöpfung umzugehen.

Verlassen wir mal die biblischen Geschichten und wenden uns der Bedeutung der Nachhaltigkeit in unseren Tagen zu. Nachhaltigkeit ist – auch wenn man das denken könnte – kein Modebegriff unserer Zeit, sondern eine Entwicklung des 18. Jahrhunderts. Der Begriff der Nachhaltigkeit in seiner heutigen Bedeutung wurde erstmals von Hans Carl von Carlowitz, sächsischer Oberberghauptmann des Erzgebirges eingeführt und in seiner „Anweisung zur wilden Baumzucht“ 1713 veröffentlicht. Carlowitz stellte fest, dass eine großflächige Abholzung lokaler Waldbestände zwar zu einer kurzzeitigen Gewinnmaximierung und zu Wohlstand führt, künftigen Generationen damit aber die Lebensgrundlage entzogen wird. Hunger, Elend und Abwanderung sind die Folge. Um den Wohlstand auch künftiger Generationen zu sichern, dürfe dem Wald nur so viel Holz entnommen werden, wie in der gleichen Zeit nachwächst. Das bis heute gültige Prinzip der nachhaltigen Forstwirtschaft war geboren, der Wald wurde so zum Inbegriff nachhaltigen Handelns und Wirtschaftens. Eine heute gepflanzte Fichte kann nach 100 Jahren geerntet werden, eine Buche nach 140 und eine Eiche gar erst nach 240 Jahren. Eichen, aus denen wir unsere Möbel bauen, wurden also zu Zeiten Napoleons gepflanzt. Das, was ein Förster heute tut, kommt im allergünstigsten Fall seinen Urenkeln zu Gute. Wir sprechen von Zeitspannen, die den menschlichen Planungshorizont, der in der Regel eine, maximal zwei Generationen umfasst bei weitem übersteigen. Würden wir uns nicht eine ähnliche Verantwortung beim Vorstand von so manchem börsennotierten Unternehmen wünschen? Nachhaltige Planung statt eine von Quartalszahlen getriebene Gewinnoptimierungsstrategie?

Nachhaltigkeit bedeutet im Kern die Befriedigung von Bedürfnissen der heutigen Generationen, ohne die Fähigkeiten künftiger Generationen zu gefährden, deren eigene Bedürfnisse zu befriedigen und eigene Lebensstile zu wählen. Dabei engen wir den Begriff oft auf den Umweltschutz ein. Nachhaltigkeit umfasst aber viel mehr. Soziale, ökonomische und ökologische Belange sind für ein nachhaltiges Handeln miteinander in Einklang zu bringen. Und so definierten im Jahr 2015 die Vereinten Nationen 17 Nachhaltigkeitsziele, für deren Erreichung man sich einen Zeitrahmen von 15 Jahren bis 2030 gesteckt hat. Prominente Ziele sind dabei neben dem Umwelt- und Klimaschutz, die Bekämpfung von Armut und Hunger, der Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Anlagen und die Gendergerechtigkeit.

Ein Drittel dieser Zeit ist abgelaufen. Wie weit sind wir mit der Umsetzung der Ziele? Derzeit hungern weltweit 820 Millionen Menschen. Immer noch haben weltweit 2,1 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und 4,5 Milliarden Menschen fehlt der Zugang zu sanitären Anlagen. Noch immer werden Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert, verfolgt oder getötet. Und das nicht nur in Diktaturen, sondern mitten in unserer westlichen Zivilisation, in den USA, in Europa, auch in Deutschland.

Der heute wichtigste und drängendste Aspekt im Kanon der Nachhaltigkeitsziele ist unbestritten der Klimaschutz. Der Kampf gegen die Erderwärmung und der Zusammenhalt der Weltgemeinschaft in der Umsetzung der erforderlichen Maßnahmen ist zur Existenzfrage der Menschheit geworden. Doch auch bei der Klimakatastrophe handelt es sich nicht um ein Problem, auf das uns erst Greta Thunberg aufmerksam gemacht hat. Die Erkenntnis über den Zusammenhang zwischen den von uns ausgestoßenen Treibhausgasen und dem Klima auf unserem Planeten ist sehr viel älter. Im Jahr 1859 beschrieb John Tyndall die Wirkung veränderlicher Konzentrationen von Kohlendioxid und Wasserdampf in der Atmosphäre auf die Durchschnittstemperatur. Er untersuchte die Auswirkungen auf das Gletschereis der Alpen und prägte den Begriff „Treibhauseffekt“. Tyndall berief sich dabei auf Annahmen des französischen Physikers Fourier, die dieser bereits um 1800 getroffen hatte. Der schwedische Wissenschaftler und Nobelpreisträger Svante Arrhenius beschrieb in seinem 1907 veröffentlichten Werk „Das Werden der Welten“ den vom Menschen verursachten Temperaturanstieg durch das Verbrennen fossiler Energieträger. Er wies nach, dass bereits geringe Änderungen der CO2-Konzentration einen deutlichen Einfluss auf unser Klima haben. Arrhenius schlussfolgerte, dass die Angst der Menschen vor einer erneuten Eiszeit unbegründet sei, da bereits das, was wir durch Verbrennung von Kohle und Öl an Kohlendioxid in die Atmosphäre entlassen den natürlichen Kohlenstoffkreislauf, also die Aufnahme von CO2 durch Pflanzen und die Weltmeere bei weitem übersteigt und es somit zu einem Temperaturanstieg von einigen Grad kommen muss. Dabei hatte Arrhenius nicht einmal andere Treibhausgase im Blick, die sehr viel stärker wirken wie beispielsweise Methan oder Lachgas, aber auch Fluorchlorkohlenwasserstoffe, kurz FCKW oder das in der Elektroindustrie eingesetzte Schwefelhexafluorid, beides übrigens Gase, die nicht natürlich auf der Erde vorkommen.

Immer wieder werden die Erkenntnisse der Klimaforschung in Zweifel gezogen, sei es aus Dummheit oder aus politischem Kalkül. Kritiker behaupten, nicht einmal 0,1% der in der Luft enthaltenen Gase seien Treibhausgase und haben damit Recht. Nur 4% der Treibhausgase sind anthropogen, also vom Menschen gemacht. 96% verursacht die Natur selbst, ohne unser Zutun. Auch das stimmt. Aber das, was die Natur emittiert, nimmt sie auch wieder auf, etwas mehr sogar. Es wird also dem natürlichen Kreislauf wieder zugeführt. Nicht so die zusätzlichen, ausschließlich vom Menschen verursachten Emissionen. Alleine der energiebedingte Ausstoß von CO2 hat sich in den letzten 100 Jahren verzehnfacht. Unsere globalen Kreisläufe können diesen explosionsartigen Anstieg nicht mehr kompensieren. Es wird wärmer, mit dramatischen Folgen. Die zwanzig wärmsten Jahre in den letzten 150 Jahren entfallen alle auf den Zeitraum von 1990 bis 2015. Und wahrscheinlich waren die Jahre 1983 bis 2012 die wärmste 30-Jahre-Periode der Nordhemisphäre in den letzten 1400 Jahren. Dürren, Unwetter und Starkregen, schmelzendes Eis und eine Versauerung der Weltmeere in Folge des aus der Atmosphäre aufgenommenen Kohlendioxids, all das sehen wir schon heute. Flüchtlingsströme aus Afrika und Südamerika nach Europa und Nordamerika sind die Konsequenzen steigender Armut und Hungers, verursacht durch den Klimawandel. Aber das, was wir derzeit sehen, ist nicht einmal die Spitze des Eisbergs, auf den wir zusteuern. Vielmehr erscheint er schemenhaft am Horizont, während wir unverändert Kurs halten. Wir reduzieren lediglich unsere Geschwindigkeit, in der Hoffnung, dass er geschmolzen ist, bis wir ihn erreichen. Selbst wenn wir unsere Nettoemissionen in den nächsten 50 Jahren auf null reduzieren, lässt sich ein weltweiter Temperaturanstieg um mindestens 2°C nicht mehr aufhalten.

Der Klimawandel, seine Ursachen und dramatischen Folgen, all das ist inzwischen gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis, wie die Gravitation oder die Maxwellschen Gleichungen. Als Elektrotechniker bin ich hier versucht, das Ohmsche Gesetz als Beispiel mit anzuführen. Doch zumindest dessen allgemeine Gültigkeit ist inzwischen widerlegt. Nicht so die Tatsache und Konsequenzen der Erderwärmung! Keine ernstzunehmende wissenschaftliche Veröffentlichung zieht diese noch in Zweifel. Wir streiten lediglich darüber, um wie viele Meter der Meeresspiegel ansteigen und ob es zwei, drei oder vier Grad wärmer werden wird.

Und dann gibt es noch diejenigen, die die positiven Aspekte der Klimakatastrophe hervorheben möchten. Wir können die Fischgründe in der eisfreien Arktis erschließen oder Bodenschätze in der Antarktis oder in Grönland heben. Doch diese Betrachtungen sind zynisch, ja sogar menschenverachtend. Das, was uns Carlowitz vor über 300 Jahren am Beispiel der Wälder gelehrt hat, gilt uneingeschränkt auch hier: Es gibt keine Gewinner des Klimawandels. Die kurzzeitige Gewinnmaximierung einzelner entzieht anderen die Lebensgrundlage und beraubt künftige Generationen ihres Handlungsspielraums mit Konsequenzen, die am Ende auch die vermeintlichen Gewinner mit voller Härte treffen werden. Während einige noch versuchen, um die Ecke zu denken und dabei einen kleinen Stofffetzen als Angriff auf Freiheit und Demokratie werten, ersäuft unsere christlich-abendländische Kultur im Mittelmeer, wird auf der Flucht erschossen oder verhungert im Jemen – nicht alles, was offensichtlich erscheint, ist immer gleich eine Verschwörung. Manchmal ist es auch einfach nur die brutale, ungeschminkte Wahrheit. Nachhaltiges Handeln heißt Verantwortung gegenüber der Schöpfung als Ganzes zu übernehmen. Leider ist es oft bequemer, den selbsternannten Alternativen nachzulaufen, die uns versprechen, dass alles anders kommt und auch gleich noch die Schuldigen für alle unsere Probleme präsentieren. Bitte hinterfragen Sie vermeintliche Wahrheiten, die einfach klingen! Auch darin liegt unsere Verantwortung.

„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Sie kennen diesen vielzitierten Satz Martin Luthers. Doch wir können mehr tun, als nur auf das Prinzip Hoffnung zu setzen – wobei das Pflanzen eines Apfelbaums sicher schon mal ein guter Anfang wäre! Aber wie sieht es tatsächlich aus mit unserem grünen Gewissen, unserem nachhaltigen Handeln, unserer Verantwortung gegenüber der Schöpfung Gottes? Was ist dran, an der Vorreiterrolle, die Deutschland immer wieder gerne einnimmt, wenn es um Klima- und Umweltschutz geht? Keiner wird mir widersprechen, bei der Forderung nach einem sofortigen Stopp der Abholzung des Regenwalds in Brasilien. Kaum Widerspruch werde ich ernten, wenn ich den Ausstieg Deutschlands aus der Braunkohle verlange. Doch Vorsicht! Da wird es schon schwieriger: Kostet das Arbeitsplätze? Ist unsere Stromversorgung in Gefahr? Der Verbrauch an Braunkohle in Deutschland ist rund 30% höher als der der Volksrepublik China und damit der höchste der Erde. Dabei gilt Braunkohle wegen ihres geringen Brennwerts und dem Abbau über Tage als der umwelt- und klimaschädlichste aller fossilen Energieträger. Im Jahr 2019 lag der Anteil der Braunkohle an der deutschen Stromerzeugung bei rund 20% und damit genauso hoch wie der Anteil der gesamten Windenergie, glücklicherweise mit rückläufiger Tendenz. Noch nimmt Deutschland einen Spitzenplatz ein beim Anteil erneuerbarer Energien. Doch längst holen andere Staaten auf, darunter China, Marokko und die USA – und das trotz Donald Trump.

Wir setzen in der Debatte um Nachhaltigkeit auf technologischen Fortschritt, auf neue Methoden und höhere Effizienz. Doch damit allein lässt sich nicht viel erreichen. 2009 beispielsweise wurde in der Europäischen Union die Herstellung und der Import von Glühlampen verboten. Sie sollten durch effizientere Leuchtmittel ersetzt werden, aber der Verbrauch elektrischer Energie für Beleuchtungszwecke ist dadurch keineswegs zurückgegangen, er ist bis heute nahezu gleichgeblieben, bei gleichzeitig höherem Energie- und Ressourcenverbrauch bei der Herstellung der neuen Lampen. Rebound nennt sich dieser Effekt: Durch Einsparungen an einer Stelle, werden Ressourcen frei, die wir anderswo wieder ausgeben. Was wird heute nicht alles beleuchtet! Von der Hausfassade bis zur Toilettenschüssel – letzteres war als Scherz in der Vorlesung gedacht. Dann aber zeigte mir ein Student den Link: knapp 5 € plus Versand, 16 Farben, mit Bewegungsmelder. Mit gutem Gewissen fahren wir mit dem Elektroauto Strecken, die wir vorher zu Fuß gegangen sind – und vergessen dabei, dass auch dieser Strom erst einmal erzeugt werden muss, von der Herstellung der Batterien einmal ganz abgesehen. Auch das ein Beispiel für den Reboundeffekt. Jedes Jahr pünktlich zur Adventszeit haben wir in unserer Kirchengemeinde die Debatte über die richtige Heizstrategie in den Gottesdiensten geführt. Ein Christ heute mag es gemütlich und warm. 20°C sollten es schon sein, damit man ohne Jacke bei der Predigt entspannen kann – Kirchenschlaf soll ja der gesündeste sein. Da nimmt man es auch schon mal in Kauf, dass für die Bequemlichkeit der im Schnitt 30 Gottesdienstbesucher für eine knappe Stunde eine Energiemenge aufgewendet wird, mit der man ein Einfamilienhaus über 1-2 Tage heizen könnte.

Nachhaltigkeit zu leben und damit Verantwortung gegenüber der Schöpfung zu übernehmen bedeutet immer auch Verzicht. Gemeint ist damit aber nicht der Verzicht auf Lebensqualität wie oft behauptet wird, sondern der Verzicht auf gestiegene Ansprüche, überzogenen Konsum, auf Dinge, die wir dem Grunde nach nicht brauchen. Aber auch, wenn wir uns bemühen, nachhaltiger zu konsumieren, werden diese Versuche vielfach konterkariert. Eigentlich ein Skandal, dass Elektrogeräte heute nachweislich so designet werden, dass sie planbar nach Ablauf der Gewährleitungszeit irreparabel ausfallen! So werden beispielsweise temperaturempfindliche Bauteile vorzugsweise dort platziert, wo es zur größten Wärmeentwicklung in einem Gerät kommt oder elektronische Komponenten bewusst unterdimensioniert.

Mit dem Finger nach Amerika oder China zu zeigen und von dort einen nachhaltigeren Umgang mit begrenzten Ressourcen zu fordern, katastrophale Umwelt- und Arbeitsbedingungen bei der Gewinnung von Rohstoffen oder in der Textilindustrie in Indien und Pakistan anzuprangern, fällt uns leicht, denn es betrifft uns nicht. Je näher etwas an uns heranrückt, desto schwerer ist für uns ein kritisches Hinterfragen. Wir fühlen uns ertappt, es tut weh oder trifft unseren Geldbeutel. Wir wissen, dass es nicht möglich ist, ein T-Shirt unter annehmbaren Bedingungen zu produzieren und anschließend für 5 Euro zu verkaufen. Wir wissen, dass ein Handy, das uns zwei Jahre lang gute Dienste geleistet hat auch noch weitere sechs Monate halten wird. Wenn ein Uni-Gebäude nach gerade einmal 40 Nutzungsjahren abgerissen und ersetzt werden muss, wurden die Grundsätze der Nachhaltigkeit bei Planung und Bau offensichtlich nicht eingehalten. Es wirft Fragen auf, wenn der Neubau in einem Waldstück errichtet werden soll, das anderen als Naherholungsgebiet dient, weil Alternativflächen für ein Parkhaus benötigt werden. Nachhaltigkeit beschränkt sich eben nicht auf die Verwendung von Recyclingpapier.

Aber auch am zweiten Hochschulstandort in der Stadt ist es um die Nachhaltigkeit nicht besser bestellt, im Gegenteil! Trotz exzellenter Anbindung der Hochschule Kaiserslautern an den öffentlichen Nahverkehr – es dürfte keine bessere Anbindung einer Hochschule in ganz Rheinland-Pfalz geben – kreisen jeden Morgen Studierende und Mitarbeiter über die überfüllten Parkplätze oder warten leise fluchend an den Zufahrten. Fahrkarten für Bus und Bahn sind in den Semestergebühren inbegriffen und die Mitarbeiter der Hochschule haben in einer Umfrage mehrheitlich gegen ein Jobticket votiert. Die gleichen Studierenden und Mitarbeiter trifft man dann freitags auf den Demos für mehr Klimaschutz. Aber stellen Sie sich den Aufschrei vor, würde sich die Hochschule für eine Parkraumbewirtschaftung entscheiden! Dabei sollten doch gerade unsere Hochschulen und Universitäten, also Orte der Wissenschaft und Ausbildung Treiber und Multiplikator der Nachhaltigkeit und des Klimaschutzes sein. Demonstrieren Sie, gehen Sie auf die Straße, rütteln Sie wach, engagieren Sie sich! Aber leben Sie das, wofür Sie einstehen!

Nachhaltigkeit bedeutet, dass wir unseren Kindern und Enkeln eine Welt übergeben, in der sie ihre eigenen Träume und Ideen leben können. Nachhaltigkeit passiert nicht irgendwo auf der Erde, sondern geht von jedem einzelnen von uns aus. Nachhaltigkeit bedeutet nicht, E-Mails auf Recyclingpapier auszudrucken, sondern sie spiegelt sich in jedem einzelnen Blatt wider, das nicht hergestellt werden muss. Retten Sie die Welt, indem Sie einfach mal das Licht ausschalten, wenn Sie es nicht brauchen! Gottes Bogen am Himmel sollte uns Mahnung sein, unserer Verantwortung für seine Schöpfung gerecht zu werden. Seid Täter des Wortes und nicht Hörer allein!

Prof. Dr.-Ing. Karsten Glöser